Don’t panic!

Kinder sind etwas für Chaoten. Eine der Erkenntnisse, die uns Luka in seinem jungen Leben sehr schnell verschafft hat. Schon bei der ersten Auto-Ausfahrt sind wir kapital an der Tücke der Materie gescheitert: Ziel war ein Kinderarzt-Termin, den wir – vorausschauend – schon mit einem Puffer von circa 30 Minuten geplant hatten. Also Baby angezogen, in den MaxiCosi gewuzzelt, MaxiCosi geschaukelt, weil stillstehender MaxiCosi vehementen Protest provoziert und dann – Stillpause. Nach der Stillpause ein verklärter Blick und Milchstuhl einmal den Rücken rauf. Also zurück an den Start, Baby umziehen, schon leicht verschwitzt wieder alles zusammenpacken und los, raus zum Auto. Dort totale Ratlosigkeit – wie war das nochmal mit dem Zusammenklappen des Kinderwagens (eine Edelkutsche um EUR 700, günstig ersteigert über eBay rund 6 Monate vor der Geburt)? Anleitung suchen, nachlesen, sich noch 2 – 3 Mal ärgern weil das nicht ganz so leicht funktioniert wie auf der Bilderklärung für Analphabeten dargestellt und dann – schließlich 30 Minuten nach dem Termin beim Kinderarzt Aufbruch zu selbigem.

Und sowas ist mit Kleinkindern kein Einzelfall – selbst wenn man mit der Zahl der Kinder auf zunehmende Routine bauen kann.

Letzten Sonntag wurde unser Jüngster von der Erbsünde befreit. An sich hatte ich ja vorgehabt, Raffael noch vor der Tauffeier zu stillen, um gröbere Unmutsäußerungen während der Zeremonie zu vermeiden. Doch keine Chance – kaum vor der Kirche vorgefahren sind gleich die schon zahlreich anwesenden Gäste herbeigestürzt, um den Täufling zu begrüßen. So in etwa, könnte es sich mit der Tauffeier ausgehen, dachte ich und beschoss, dass ich ihn einfach nachher stille. Zwischen Einleitung der Taufe und Lesung machte mir Raffael aber schnell klar, dass die eigentliche Taufe so ziemlich in Gebrüll untergehen könnte, wenn ich nicht jetzt und gleich den Busen auspacke und mein kleines Bündel Erbsünde stille.

Als mittlerweile dreifache Mutter habe ich schon gar kein Problem mehr, meinen Busen öffentlich mitsamt dranhängendem Baby „zur Schau“ zu stellen – ich habe schon im Gehen auf der Straße, in U-Bahnen, natürlich in allerlei Parks und Lokalen und nicht zuletzt in zahllosen Geschäften gestillt. Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich meinen Busen hemmungslos auf einem U-Bahn-Steig auspacken würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Ich habe sogar schon mal einen Mini-Stillstreik in einer Post-Filiale eingelegt, als eine Mitarbeiterin meinte, sie müsse angesichts des Ansturms von über 30 wartenden Kunden ihren Schalter schließen, zwei Kunden vor mir und meinem hungrigen Baby. Nein, da kenne ich nix, gestillt wird, wenn das Baby es braucht.

Und dennoch: Diesmal sind mir dann, auch angesichts der bevorstehenden Fürbitten (ich wollte meinem Söhnchen auch einen guten Wunsch mit auf den Weg geben), aber doch so meine Zweifel gekommen, ob es denn nicht allzu offenherzig wäre, mit säugendem Kind vor versammelter Verwandtschaft und Freundeskreis neben dem Altar zu stehen und dann auch noch an die Kanzel zu treten, um eine Fürbitte zu sprechen. Entgegen meiner üblichen Nonchalance in Stillfragen, entschied ich mich diesmal für Dezenz soweit es die Situation eben zuließ und verschwand kurzerhand mitsamt dem Täufling hinter einer gotischen Säule.

Der Pfarrer, sichtlich überrascht, bewies Flexibilität und begann wild das Taufprogramm auf den Kopf zu stellen, Lesung folgte auf Lesung, Lied auf Lied (mein Mann verknotete sich dabei vor lauter Überraschung die Zunge an Mey’schen Wortkreationen, wie Haselnusscremeschlacht, zwischendurch läutete das Handy des Pfarrers – bis dahin hatte ich keine Ahnung, dass so eine Kutte auch tiefe Taschen hat – doch schließlich trat ich mit zufriedenem Säugling, frisch wie der Morgen, wieder hinter der Säule hervor und wir konnten ihn mit Wasser auf dem Kopf so richtig zum Brüllen bringen. Naja, einen Versuch war‘s ja wert.

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