Vom Ernst des Lebens und der Leichtigkeit des Seins

S C H U L A N F A N G  prangt in der Drogerie Müller in großen Buchstaben über der Papierabteilung. Schlangen von Taferlklasslern, die erwartungsvoll ihre ersten Schulsachen kaufen, stehen vor den Kassen. Die Vorfreude ist groß.

Meine nicht. Mein „Großer“ ist ab Montag auch Schulkind. Er sitzt gerade neben mir und malt seine erste Hausaufgabe: „Male Dein schönstes Ferienerlebnis“. Luka malt vom Meer. Hinter einer Papierklappe versteckt sich auf seinem Bild ein Fisch. Er malt eine Schildkröte, die Algen als Haare hat und ein großes Schiff. „Schau mal, und das ist ein Außerirdischer, der gerade das Schiff überfallen hat.“

Die erste Hausaufgabe

Hm, das schönste Ferienerlebnis. Ich kann mich gar nicht an Außerirdische erinnern. Ob dieses gewisse „Plus“ an Fantasie erlaub ist?

Der Schulbeginn meines Großen erfüllt mich mit einem mulmigen Gefühl. Ich hoffe so sehr, dass sich in den letzten 30 Jahren wirklich etwas getan hat. An meine Schulzeit erinnere ich mich mit höchst gemischten Gefühlen.

Beim Kindergarten hatte ich ein wirklich gutes Gefühl, der war perfekt. Tolle Erzieherinnen, ein liebevoll gestaltetes Haus und ein Garten, in dem sich Kindheitserinnerungen entfalten können.

Als ich meinen Großen an seinem letzten Kindergartentag abgeholt habe, hatte ich schon beinah Tränen in den Augen. Das Ende der Freiheit, und jetzt der Ernst des Lebens? Mit 6 Jahren schon? Abschied von all seinen Freunden.

Aber interessant: Die Kinder nahmen den Abschied allesamt ziemlich gelassen. Die Vorfreude auf die Schule hat alles andere dominiert. Aufbruchstimmung. Und da muss ich wirklich sagen: Bewundernswert, wie Kinder im Jetzt leben, ohne Reue und ohne Schwermut.Dafür mit umso mehr Neugier und Freude.

Also habe ich beschlossen, mich mit zu freuen, ein neues großes Abenteuer …

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Ich halt meinen Mund

Gestern fahre ich im Bus zum Büro. Die Buben im KiGa abgeliefert, das Buch „Lasst Eure Kinder in Ruhe“ in der Hand (ich habs noch immer nicht fertig gelesen, Schande). Und zwei Mütter samt lustiger Rasselbande steigen ein. Die Zwerge plaudern fröhlich, fragen allerlei und die Mütter unterhalten sich:

„Gell, das waren Zeiten, als wir uns gefragt haben, wann sie endlich zu sprechen beginnen.“

„Ja, und jetzt hören sie gar nicht mehr auf“

„Puh, ich tät mir manchmal wünschen, er würd noch nicht sprechen. Der redet dauernd.“

„Jaja, ich hab der *soundso* auch gesagt, sie soll froh sein, dass ihre noch nicht spricht, wenns dann mal anfangen hörens nicht mehr auf.“

„hahaha“

Die Kinder sind inzwischen verstummt.

„Ja, ich gäb was für ein paar Minuten Ruhe.“

„Stell Dir vor, meiner red sogar zruck, der sagt, er will jetzt aber Schokolade.“

In meinem Kopf ist derweil eine Unterhaltung mit einem imaginären Gesprächspartner entstanden:

„Diese Mamas, die reden auch unentwegt, wie die Hendln“

„Ja, und so viel Blödsinn. Statt dass sie sich freuen, dass sie gesunde, intelligente Kinder haben.“

….

Ich glaub, die Damen wären schwer beleidigt gewesen. Ich denke, Kinder trifft solches Gerede ihrer Mütter auch mitten ins Herz. Etwas mehr Achtsamkeit, meine Damen.

Aber ich halt schon meinen Mund.

Töpfchengeschichten oder Des Wahnsinns fette Beute

Das Töpfchen. Unweigerlich tritt es ins Leben eines Zweijährigen und seiner Eltern, macht sich dort breit, vermehrt sich und ist schließlich allgegenwärtig. Wir haben ja vier. Erbstücke von Lukas Töpfchen-Zeit. Der hatte eins bei der Oma (auch Initiatorin des Töpfcheneinzugs), eins im Kindergarten, eins bei uns und eins zum immer-dabei-haben.

Ein Töpfchen immer dabei – zB beim Feuerwehrumzug

Damals, als wir erst ein Töpfchen hatten, meinte Luka doch eines Morgens „Kommt Gacka“. Mein Mann, nicht faul, sprang wie vom wilden Watz gebissen vom Frühstückstisch auf, rannte ums Töpfchen, entriss Luka seinen halb vollgegackten Windeln und platzierte ihn noch zeitgerecht fürs Halbfinale auf dem Töpfchen. Hurra! Luka hat Gacka ins Töpfchen gemacht!!! Toll, was für eine Freude! Noch während mein Mann und ich einen begeisterten Freudentanz ums halbgefüllte und außerordentlich verschmierte Töpfchen vollführten, um Luka klar zu machen, welch große Freude er uns gemacht hatte, lief dieser ebenso freudig eine Siegerrunde durch die Wohnung. Und noch eine, und noch eine. Der Popo ebenso verschmiert wie das Töpfchen. Und schon bald wurde aus dem Freudentanz eine wilde Jagd – Luka voraus, mein Mann und ich hinterdrein – hinter dem begacksten Popsch, der andernfalls mit Sicherheit bald am Sofa oder einem anderen Polstermöbel landen würde.

Zu anderer Gelegenheit saß Luka, den wir im Sommer aus pädagogisch wertvollen Gründen der Sauberkeitserziehung praktisch immer unten ohne rumlaufen ließen auf seinem Hochstuhl beim Frühstückstisch. Da meinte Luka „Kommt heraus“ und ehe ich noch nachfragen konnte, was den wo herauskäme, pinkelte er auch schon mit gezieltem Strahl unter den Frühstückstisch. Lecker.

Jetzt wird Raffael bald zwei Jahre alt. Und kaum nähert sich sein Geburtstag, werde ich im Kindergarten auch schon von einer besorgten Mama gefragt, ob er denn schon aufs Töpfchen gehe, denn ihre, die hätte es schon so gut gekonnt, aber jetzt würde sie dauernd in die Hose machen.

Nein, Raffael geht noch nicht aufs Töpfchen, denn ich habe dazu gelernt.

Da letztlich keiner meiner Großen mit dem Töpfchen „sauber“ geworden ist, werde ich das Töpfchen bei Raffael Töpfchen sein lassen und ihn entscheiden lassen, was, wann und wie. Überhaupt habe ich beschlossen, mich mit dem Thema Sauberkeitserziehung nicht mehr im Detail auseinander zu setzen. Bei Luka war ich noch verunsichert von all den Mamas, die ihre Kinder durch die stetige Frage „Musst Du Lulu“ zum Klogang bewegen konnten.

Wenn ich meine Kinder gefragt habe „Musst Du Lulu“, haben sie mich höchstens mit glasigen Augen angeschaut und sich vermutlich gefragt, was das für ein unsinniger neuer Sport ist. Keines meiner Kinder ließ sich durch diese Dauer-Fragerei zum Klogang bewegen. Dafür habe ich heute nicht den Stress, meine Kinder vor jeder Autofahrt doch noch mal schnell zum Klogehen aufzufordern. Wenns kommt, kommts, Lulu auf Vorrat, ist bei meinen Buben verschwendete Spielzeit.